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Risikofaktor HRV

Die herausragende Bedeutung der kardio-vagalen Hypoaktivierung als Risikomarker und Frühindikator beginnender kardiovaskulärer Erkrankungsprozesse wird noch durch die sich immer deutlicher abzeichnende Erkenntnis gestützt, dass alle zurzeit bekannten traditionellen Risikofaktoren kardiovaskulärer Erkrankungen mit einer kardio-vagalen Hypoaktivierung assoziiert sind.

Noch bedeutsamer ist allerdings die Tatsache, dass die kardio-vagale Hypoaktivierung auch zeitlich dem Auftreten traditioneller medizinischer Risikofaktoren vorauszugehen scheint, so dass sie bereits vor dem Auftreten klinischer Symptome oder traditioneller Risikofaktoren auf funktionelle Veränderungen in den zentralen Regulationsmechanismen des Körpers hinweist, die ursächlich an der Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen und deren Vorläufer beteiligt sind (Thayer et al., 2010; Thayer & Lane, 2007; Masi et al., 2007).

Hypertonie: Die deutlichsten Zusammenhänge liegen zurzeit im Hinblick auf die Hypertonie vor, dem vermutlich bedeutsamsten einzelnen traditionellen Risikofaktor kardiovaskulärer Erkrankungen.

Zunächst haben Querschnittsanalysen an umfangreichen Stichproben eindeutige Hinweise dafür erbracht, dass der kardio-vagale Tonus bei Personen mit klinisch relevantem Bluthochdruck generell bedeutsam geringer ist als bei Personen, die nach derzeitigen Kriterien einen normalen Blutdruck aufweisen, und zwar auch nach Kontrolle relevanter Kovariate. So fanden z.B. im Rahmen der ARIC-Studie Liao et al. (1996) an 2061 Personen und Schröder et al. (2003) an über 11 000 Personen eine signifikant verringerte kardio-vagale Aktivierung bei Hypertonikern im Vergleich zu Normotensiven, und zwar auch nach Berücksichtigung von Variablen wie Alter, Geschlecht, Rauchen, Diabetes, BMI und Erziehungshintergrund.

Interessanterweise existieren für die Hypertonie darüber hinaus auch einige umfangreiche prospektive Studien (Längsschnittanalysen), die sich mit der Analyse des zeitlichen Zusammenhangs von kardio-vagaler Hypoaktivierung und Hypertonie befasst haben.

So haben Liao et al. (1996) in dem prospektiven Teil der oben bereits erwähnten ARIC-Studie Personen über einen follow-up Zeitraum von 3 Jahren verfolgt, die bei der Erstmessung keine klinisch relevante Hypertonie aufwiesen, sich jedoch in der Höhe ihrer kardiovagalen Aktivierung bedeutsam unterschieden. Sie fanden, dass der bei der Erstmessung erhobene kardio-vagale Tonus in einem inversen Zusammenhang zur Entwicklung einer Hypertonie stand. Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, Rauchen, Diabetes und Erziehungshintergrund hatten Personen mit einem niedrigen kardio-vagalen Tonus (unterstes Quartil der Verteilung) ein 2.4 fach höheres Risiko für die Ausbildung von Bluthochdruck als Personen mit einem hohen kardio-vagalen Tonus (oberstes Quartil).

Diese Befunde wurden auch in einer jüngeren, noch wesentlich umfangreicheren Auswertung der ARIC-Studie (Schröder et al., 2003) bestätigt, bei der 7099 Personen, die bei der Erstmessung keine Hypertonie aufwiesen, über einen Zeitraum von 9 Jahren verfolgt wurden. Auch hierbei zeigte sich, dass Personen mit einem niedrigen kardio-vagalen Tonus (unterstes Quartil) ein signifikant höheres Risiko für die Ausbildung von Hypertonie aufwiesen als Personen mit einem hohen kardio-vagalen Tonus (oberstes Quartil).

Daher können wir davon ausgehen, dass ein Rückgang des kardio-vagalen Tonus offensichtlich der Entwicklung des zentralen Risikofaktors Hypertonie zeitlich vorausgeht und damit zur Entstehung von klinisch relevantem Bluthochdruck unmittelbar beiträgt.

Diabetes: Auch im Hinblick auf den traditionellen Risikofaktor Diabetes konnte ein enger Zusammenhang zur kardio-vagalen Hypoaktivierung nachgewiesen werden.

Signifikante Zusammenhänge zwischen einem verringerten kardio-vagalen Tonus und einem erhöhten Risiko für klinisch relevante Diabetes fanden sich u.a. in der ARIC-Studie (z.B. Liao et al., 1995) und in der Framingham Heart Study (Singh et al., 2000) an jeweils knapp 2000 Personen.

Außerdem fanden sich in diesen Studien wie auch in anderen groß angelegten Studien (Koskinen et al., 2004; Lindmark et al., 2003) signifikante inverse Zusammenhänge zwischen einer verringerten kardio-vagalen Aktivierung und dem Nüchtern-Glukosespiegel sowie dem Nüchtern-Serum Insulin, und zwar bemerkenswerterweise auch bei Nicht-Diabetikern. So war das parasympathische Aktivierungsniveau bei Nicht-Diabetikern mit einem hohen Serum-Insulin deutlich niedriger als bei solchen mit einem niedrigen Serum-Insulin.

Schließlich fanden sich auch in Untersuchungen an jüngeren Erwachsenen im Alter zwischen 24 und 39 Jahren (Koskinen et al., 2004) und an Verwandten 1. Grades von Diabetikern (Lindmark et al., 2003) Zusammenhänge zwischen einer verringerten kardio-vagalen Aktivierung und einer verringerten Insulinsensitivität bzw. einer erhöhten Insulinresistenz. Es drängt sich daher die Vermutung auf, dass eine kardio-vagale Hypoaktivierung zur Entwicklung einer Insulinresistenz und von Diabetes beiträgt.

Atheromatöse Entzündungsprozesse: Von besonderer Bedeutung dürfte angesichts der Tatsache, dass Entzündungsprozesse offensichtlich eine zentrale Rolle bei der Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen spielen, auch ein sich abzeichnender Zusammenhang zwischen einer kardio-vagalen Hypoaktivierung und einem erhöhten Risiko für klinisch relevante Entzündungsprozesse spielen. Nachdem, wie oben bereits angemerkt wurde, dem vagalen System durch die Inhibierung des Tumor Nekrose Faktors (TNF-Alpha) eine zentrale Rolle bei der Kontrolle von Entzündungsprozessen zukommt, ist es kaum überraschend, dass in jüngsten Studien an unterschiedlichen Stichproben aus der Allgemeinbevölkerung und klinischen Populationen auch nach Berücksichtigung verschiedenster Kovariate eindeutige Hinweise dafür gefunden wurden, dass eine kardio-vagale Hypoaktivierung einen engen Zusammenhang zu verschiedensten Entzündungsparametern aufweist wie Interleukin-6, C-reaktives Protein, Anzahl weißer Blutkörperchen usw. (Janszky et al., 2004; S ajadich et al., 2004; Thayer & Fischer, 2005; Haensel et al., 2008; von Känel et al., 2008; Lampert et al., 2008).

Familiäre Belastung: Auch familiäre Belastungen durch Hypertonie (Piccirillo et al., 2000; Mavrer et al., 2004) sowie durch Diabetes (De Angelis et al., 2001; Lindmark et al., 2003) stehen in einem direkten Zusammenhang zu einem verringerten kardio-vagalen Tonus.

Lebensstilfaktoren: Schließlich weisen auch Lebensstil bezogene Risikofaktoren wie Rauchen (Hayano et al., 1990; Fifer et al., 2009.), Übergewicht (Karason et al., 1999; Riva et al., 2001) oder Bewegungsmangel (Rennie et al., 2003) einen eindeutigen Zusammenhang zu einem verringerten kardio-vagalen Aktivierungsniveau auf.

Alter: Höheres Lebensalter ist ein bedeutsamer Risikofaktor für ein weites Spektrum von Krankheiten. Insofern ist es nicht überraschen, dass es parallel zum Anstieg des Lebensalters zu einem kontinuierlichen Rückgang des kardio-vagalen Aktivierungsniveaus kommt. Dieser Prozess setzt bereits zu einem überraschend frühen Zeitpunkt, und zwar etwa ab 30 Jahren ein und erstreckt sich bis ins höchste Lebensalter (De Meersman & Stein, 2007; Wittling et al., 2008).

 

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